E-Gitarre und Bass vor mehreren Vintage-Verstärkerboxen im Proberaum

Warum der Sunlight-Sägeton modernen Metal-Produktionen bis heute die Show stiehlt

Das unsterbliche Kettensägen-Massaker aus Stockholm

Es gibt Gitarrensounds, die sich höflich in den Mix einfügen. Und es gibt den Sunlight-Sägeton, der durch den Lautsprecher bricht wie eine rostige Kettensäge durch nasses Holz. Seit mehr als drei Jahrzehnten fasziniert und spaltet dieser Klang Metalheads gleichermaßen. Für die einen ist er lärmender Frequenzterror, für die anderen die vielleicht ehrlichste Form von Death-Metal-Gitarrensound: dreckig, komprimiert, aggressiv und sofort wiedererkennbar. Wer sich mit kultigen HM-2-Referenzalben beschäftigt, landet unweigerlich bei genau diesem Klangideal.

Das Faszinierende daran ist seine demonstrative Unvernunft. Moderne Produktionen verfügen über astronomische Budgets, präzise Impulsantworten, nahezu perfekte Amp-Modeler und chirurgische Editing-Werkzeuge. Trotzdem klingen viele Gitarren steril, austauschbar und glattpoliert. Der Sunlight-Sound verfolgt das Gegenteil: Ein kleines japanisches Pedal wird in eine extreme Einstellung gezwungen, ein relativ unspektakulärer Verstärker bekommt eine Wand aus sägenden Mitten, und analoge Unsauberkeiten werden nicht versteckt, sondern zur Identität erklärt. Genau darin liegt die unverwüstliche Magie.

Wie Tomas Skogsberg und Leif Cuzner Musikgeschichte sägten

Die Geschichte des Stockholm-Sounds beginnt nicht mit einer Marketingkampagne, sondern mit neugierigen Musikern, begrenztem Equipment und dem Willen, anders zu klingen als die damals dominierenden amerikanischen Death-Metal-Produktionen. Ende der Achtzigerjahre experimentierte Leif Cuzner im Umfeld von Nihilist mit dem BOSS HM-2 Heavy Metal. Das Pedal war ursprünglich nicht dafür gedacht, eine komplette Szene akustisch zu definieren. Seine aggressive Klangformung wurde jedoch zum entscheidenden Werkzeug, als Cuzner und seine Mitstreiter nach einem Ton suchten, der härter, rauer und weniger kontrolliert wirkte.

Im Sunlight Studio fand diese Idee den idealen Resonanzraum. Tomas Skogsberg war nicht bloß ein Techniker, der Gitarren möglichst sauber abnahm. Er verstand, dass Verzerrung, Mikrofonierung, Raum, Mischpult und Kompression gemeinsam eine Klangwelt erschaffen. Der HM-2 lief in einen Peavey-Combo, wurde mit einem Audio-Technica-Mikrofon eingefangen und durch die Färbung der Studiokette weiter verdichtet. Das Ergebnis war kein klinisch berechneter High-Gain-Ton, sondern ein wütendes Bündel aus Frequenzen, das gleichzeitig kompakt und chaotisch wirkte.

Entombed machte diese Ästhetik mit Left Hand Path weltweit hörbar. Dismember trieb sie auf Like an Everflowing Stream in eine noch schärfere, riffzentrierte Richtung. Der Stockholm-Sound unterschied sich damit deutlich vom später stärker melodisch geprägten Göteborg-Stil. Seine wichtigsten Kennzeichen lassen sich auf wenige Punkte verdichten:

  • Ein extrem betonter, sägender Hochmittenbereich
  • Eine dicke, komprimierte Verzerrung mit rauer Körnung
  • Ein aggressiver Attack, der schnelle Riffs im Bandmix sichtbar macht
  • Eine bewusst unpolierte Verbindung aus Pedal, Verstärker, Mikrofon und Raum

Diese Kombination veränderte die Vorstellung davon, wie Death Metal klingen durfte. Der Gitarrensound war nicht länger nur Begleitung für Drums und Growls, sondern eine eigene physische Kraft. Er schnitt durch die Produktion, ohne seine Herkunft aus Proberaum, Keller und kleiner Studiotechnik zu verleugnen.

Alle Regler auf Zehn als genialer klanglicher Regelbruch

Das BOSS HM-2 besitzt einen vergleichsweise überschaubaren Aufbau: Lautstärke, Distortion sowie je einen Regler für Low und High. Die Schaltung erzeugt keine neutrale Verzerrung, sondern verbindet Sättigung mit einer markanten Zweiband-Equalizer-Sektion. Besonders die hohen Mitten und die oberen Frequenzen können bei extremen Einstellungen eine schneidende Präsenz entwickeln. Der Klang wird dadurch nicht einfach lauter oder stärker verzerrt. Er wird kantiger, dichter und unangenehm lebendig.

Oranges Boss-DS-1-Distortionpedal mit Reglern für Gitarrensound
Der charakteristische Stockholm-Sound entsteht durch kompromisslose Einstellungen: Erst das bewusste Übermaß an Verzerrung und Mitten macht aus einem einfachen Signal eine unverwechselbare Klangsignatur.

Die legendäre Einstellung lautet: alle vier Regler auf Rechtsanschlag. Aus Sicht klassischer Tontechnik grenzt das an ein Verbrechen. Normalerweise werden Frequenzbereiche gezielt angehoben oder abgesenkt, um Platz für Bass, Stimme und Schlagzeug zu schaffen. Beim HM-2 passiert genau das Gegenteil. Jede Korrekturmaßnahme wird verweigert. Die Schaltung darf übertreiben, komprimieren und kratzen. Zusammen mit einer tieferen Stimmung und einem kräftigen Verstärker entsteht der berühmte Buzzsaw-Effekt.

Wer den Ton im Proberaum nachvollziehen will, sollte nicht einfach irgendein Preset laden, sondern die Kette als Ganzes betrachten:

  1. Das HM-2 vor einen bereits leicht angezerrten oder klar eingestellten Verstärker schalten. Ein Peavey-Combo ist historisch passend, moderne Transistor- und Röhrenamps funktionieren ebenfalls.
  2. Distortion, Low, High und Level zunächst vollständig aufdrehen. Der typische Sunlight-Ton entsteht nicht durch vorsichtiges Ausbalancieren, sondern durch den radikalen Anschlag.
  3. Die Gitarre auf D oder tiefer stimmen und mit kräftigem Anschlag spielen. Zu sanfte Spielweise lässt den Sound eher flach als brutal wirken.
  4. Die Mikrofonposition prüfen. Schon wenige Zentimeter verändern Schärfe und Bassanteil deutlich. Direkt auf die Lautsprechermitte zielt der aggressivste Klang, weiter außen wird es runder.
  5. Erst danach im Bandmix korrigieren. Wenn die Gitarre zu spitz wirkt, sollte nicht sofort das Pedal entschärft werden. Oft reicht eine kleine Veränderung am Mikrofon oder an der Lautsprecherlautstärke.

Wichtig bleibt die Einordnung: Das HM-2 ist kein Universalwerkzeug für jede Stilrichtung. Manche Kritiker betrachten es als One-Trick-Pedal, und diese Einschätzung hat einen wahren Kern. Gerade seine begrenzte Vielseitigkeit macht es jedoch so stark. Ein Werkzeug, das nur eine Sache kann, diese Sache aber mit maximaler Konsequenz, besitzt im Studio oft mehr Charakter als ein Gerät mit hundert austauschbaren Möglichkeiten.

Schwedische Kettensäge gegen moderne Amp-Modeler im Härtetest

Der Vergleich mit modernen Digital-Plug-ins ist nicht einfach ein Streit zwischen alt und neu. Amp-Modeler können ausgesprochen präzise, flexibel und musikalisch reagieren. Sie liefern reproduzierbare Ergebnisse, lassen sich per Mausklick abrufen und sparen im Homestudio Zeit, Platz und Lautstärke. Trotzdem entsteht bei vielen dieser Produktionen ein Problem: Perfektion entfernt sich vom Körperlichen. Wenn jeder Transient kontrolliert, jede Resonanz geglättet und jedes Rauschen entfernt wird, verliert der Sound seine Reibung.

Merkmal Sunlight-HM-2 Moderner Modeler
Attack Hart, körnig und leicht unberechenbar Sehr präzise und oft stärker kontrolliert
Mittenpräsenz Extrem, sägend und sofort identifizierbar Gezielt formbar, häufig ausgewogener
Dynamik Komprimiert, aber mit spürbarer analoger Reibung Reproduzierbar und detailreich, je nach Modell sehr linear
Durchsetzung im Bandmix Schneidet brutal durch Bass und Schlagzeug Benötigt oft mehr Arrangement und EQ-Arbeit
Identität Unverwechselbar, auch bei bewusstem Übermaß Stark abhängig von Preset, IR und Nachbearbeitung

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass analog automatisch besser klingt. Entscheidend ist die Bereitschaft, eine klangliche Entscheidung nicht sofort zu entschärfen. Ein HM-2 mit allen Reglern auf Maximum fordert Aufmerksamkeit. Es erzeugt Nebengeräusche, harsche Kanten und einen Frequenzbereich, der im Solo-Modus fast absurd wirken kann. Im Zusammenspiel mit Bass, Kickdrum und zweistimmigen Gitarrenriffs wird genau dieses Übermaß jedoch zur Durchsetzungsfähigkeit.

Hochglanz-Produktionen verlieren ihre Identität häufig nicht wegen digitaler Technik, sondern wegen zu vieler Sicherheitsentscheidungen. Jede Spur wird quantisiert, jede Gitarre mehrfach gedoppelt, jeder Frequenzbereich optimiert und jede Unregelmäßigkeit ersetzt. Am Ende ist der Mix sauber, aber ohne Gesicht. Der Sunlight-Sound erinnert daran, dass ein vermeintlicher Fehler zum Markenzeichen werden kann. Nicht die maximale Auflösung bleibt im Gedächtnis, sondern die Farbe.

Vier unsterbliche Referenzalben für die absolute Sägezahn-Erleuchtung

Wer verstehen will, weshalb der HM-2-Klang mehr als ein Internet-Meme ist, sollte die entscheidenden Alben nicht nur nebenbei streamen. Diese Produktionen zeigen, wie unterschiedlich dieselbe Grundidee wirken kann. Mal dominiert eine dicke Gitarrenwand, mal ein scharfes Riffing, mal die Verbindung aus Death Metal und Hardcore. Der gemeinsame Nenner bleibt die Bereitschaft, den Klang nicht zu zähmen.

  • Entombed, Left Hand Path: Die Blaupause des Stockholm-Sounds. Die Gitarren wirken wie ein einziger wütender Block, bleiben aber rhythmisch klar genug, damit die Riffs ihre dramatische Wirkung entfalten.
  • Dismember, Like an Everflowing Stream: Hier zeigt sich die Säge besonders messerscharf. Das Album verbindet rasende Präzision mit einer rauen Oberfläche und gilt zu Recht als Benchmark für schwedisches Death-Metal-Riffing.
  • Grave, You“ll Never See: Eine düstere, schwere Variante der Ästhetik. Der Ton wirkt weniger wie ein kontrolliertes Werkzeug als wie eine Wand, die langsam auf den Hörer zurollt.
  • At the Gates, Slaughter of the Soul: Das Album steht stärker für die melodische Göteborg-Schule, zeigt aber, wie die aggressive HM-2-DNA in eine präzisere und zugänglichere Produktion überführt werden konnte.

Der Einfluss endet damit nicht. Grindcore, D-Beat, Crust, Hardcore und moderne Death-Metal-Produktionen griffen die Kettensägenidee immer wieder auf. Bands wie Rotten Sound, Disfear, Trap Them, Nails, Black Breath und Bloodbath bewiesen, dass der Sound außerhalb seines ursprünglichen historischen Rahmens weiterlebt. Produzenten wie Kurt Ballou machten ihn zudem für neue Generationen interessant, weil das Pedal nicht nur Verzerrung liefert, sondern auch einen Verstärker straffen, Bass formen und einen langweiligen Gitarrenton sofort in eine Aussage verwandeln kann.

Gerade Bloodbath verkörpern den anhaltenden Kultstatus besonders deutlich. Die Band hat den HM-2-Sound nicht als nostalgische Tapete behandelt, sondern als bewusste Verbindung zu den rohen Ursprüngen des Genres. Das ist der Unterschied zwischen Retro-Kopie und stilbewusstem Rückgriff. Die Säge funktioniert nicht, weil sie alt ist. Sie funktioniert, weil sie eine klare Haltung transportiert.

Dreht die Regler auf Anschlag und lasst den Dreck wieder leben

Der Sunlight-Sound ist kein Plädoyer dafür, jede moderne Produktion absichtlich schlecht aufzunehmen. Gute Editierung, sorgfältige Mikrofonierung und digitale Werkzeuge können Metal gewaltig machen. Die eigentliche Lektion lautet anders: Klang braucht Mut. Eine Produktion darf Ecken besitzen, darf unangenehm werden und darf sich gegen die Erwartung stellen, jederzeit angenehm oder perfekt kontrolliert zu sein.

Der HM-2-Kult wird deshalb auch die nächste Generation von Metalheads erreichen. Das Pedal ist günstig, verständlich und radikal. Es verlangt keine komplizierte Menüstruktur, kein Abonnement und keine endlose Suche nach dem perfekten Preset. Vier Regler auf Anschlag, ein wuchtiger Amp, ein gutes Riff und die Bereitschaft, den Dreck nicht wegzupolieren, reichen oft für mehr Persönlichkeit als ein ganzer Rechner voller makelloser Simulationen. Moderne Bands sollten diese Kante wieder suchen. Nicht jede Aufnahme muss nach Stockholm klingen, aber jede sollte nach jemandem klingen, der etwas zu sagen hat.